Zum Hauptinhalt

Praxisbeispiel | Demenzfreundliche Kommune
Ein Stadtteil nimmt seine Nachbarinnen und Nachbarn wahr

Im Aachener Stadtteil Haaren können nicht nur Pflegekräfte und Angehörige mit Nachbarinnen und Nachbarn mit Demenz umgehen, sondern auch Optiker, Feuerwehrleute und Sparkassenmitarbeiter sind auf diese besonderen Kontakte vorbereitet. Dank der Methode Marte Meo  und dem engagiertem Einsatz der Netzwerkerinnen und Netzwerker im Viertel, ist Demenz in Haaren kein Tabu mehr. „Helfen, wo Hilfe gebraucht wird, und da einen freien Rahmen lassen, wo es keiner Hilfe bedarf“, fasst Christoph Venedey, der ehemalige Leiter des Seniorenzentrums Haaren, die Grundidee zusammen.

Angefangen hat es mit einem Vortrag von Maria Aarts, Begründerin der Methode Marte Meo. Die Methode wird in vielen sozialen Arbeitsfeldern wie zum Beispiel in Kitas eingesetzt und erleichtert unter anderem die Kontaktaufnahme zu autistischen Menschen. Und diese Methode, müsste doch auch für Menschen mit Demenz passen, dachte sich Venedey und lud die Fachfrau nach Aachen ein. Schritt für Schritt hat er die Mitarbeitenden seines Hauses zu Marte Meo schulen lassen und damit gute Erfahrungen gemacht. Darum wollte man den Versuch machen, Marte Meo auch den Bürgerinnen und Bürgern nahezubringen.  

Da viele Leute im zivilen Leben nicht wissen, wie sie mit Menschen mit Demenz umgehen sollen, sind manche Begegnungen unnötig schwierig. Wenn Frau Müller, die mit einer Demenz lebt, in der Sparkasse ihren Kontostand abfragen will, verunsichert und verwirrt es sie, wenn man ihr dort versucht zu erklären, dass ihr Konto vor Jahren aufgelöst wurde. Möglicherweise kommt Frau Müller dann immer wieder, um die Sache mit dem Konto zu klären. Sind die Sparkassenmitarbeiter mit der Methode Marte Meo vertraut, können sie ganz anders auf Frau Müller eingehen. „Diese Methode ist eine Hilfestellung, das Normale zu leben“, erklärt der Projektleiter Christoph Venedey. In fünf einfachen Schritten werden der Kontakt hergestellt, die vorhandenen Ressourcen der Betroffenen genutzt und der Verlauf einer Begegnung gesteuert. Dadurch erfährt die Mitbürgerin oder der Mitbürger mit Demenz Sicherheit und nimmt sich als aktiven Part des Geschehens wahr.

Wenn nun Frau Müller in die Sparkasse kommt, wird sie freundlich begrüßt und bekommt einen Platz angeboten. Dann geht die geschulte Mitarbeiterin mit ihr Schritt für Schritt die angenommenen Kontostände durch. Dass Frau Müller längst ihrer Tochter alle Geldgeschäfte überlassen hat, spielt in diesem Augenblick keine Rolle. Nach wenigen Minuten ist Frau Müller zufrieden. Die Mitarbeiterin der Sparkasse beendet den Termin und wünscht Frau Müller einen guten Heimweg. Ein paar Minuten bewusst gesteuerte Aufmerksamkeit bietet der früheren Kundin eine gute Orientierung und verhindert Angstzustände. Der Einsatz der Methode Marte Meo ist meistens weniger zeitintensiv, als der Versuch, Menschen mit Demenz von etwas zu überzeugen, was sie nicht verarbeiten können.

„Gut laufende Bäckereien sind immer voll. Nicht weil es dort die besten Brötchen gibt, sondern weil die Verkäuferinnen und Verkäufer einen guten Kontakt zu den Kunden herstellen“, so Christoph Venedey. Ein guter Kontakt steigert die Zufriedenheit auf beiden Seiten und schafft Vertrauen für Angehörige, die ihre von Demenz betroffenen Familienmitglieder gut versorgt wissen wollen und das ganz marte meo, zu deutsch: aus eigener Kraft.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor, um die Idee des demenzfreundlichen Stadtteils umzusetzen, waren gute Beziehungen, nicht nur zu branchenverwandten Menschen, sondern auch zu Politik, Geschäftsleuten und Vereinen. Es konnten Personen in öffentlichen Ämtern und namhafte Geschäftsleute als Netzwerkpartner für das Vorhaben gewonnen werden. Mit einer ansprechenden Broschüre wurde eine öffentliche Fachtagung über Marte Meo für alle Interessierten angekündigt. In diesem Flyer haben stadtteilbekannte Personen wie Supermarkt- und Sparkassenleitung, Vertreterinnen und Vertreter aus Fußballverein und Polizei erklärt, warum sie die Methode lernen wollen und den Fachtag unterstützen.

„Gerade im Einsatzfall ist es wichtig, dass wir sensibel mit den Menschen umgehen und auch die Erkrankung erkennen“, liest man hier vom Oberbrandmeister der freiwilligen Feuerwehr. Das hat Bürgerinnen und Bürger überzeugt.

Inzwischen konnten in diversen Schulungen Haarener und Haarenerinnen mit dem Thema Demenz und der Methode vertraut gemacht werden.

Träger
Seniorenzentrum am Haarbach, Haarbachtalstrasse 14, 52080 Aachen

Kontakt
Johannes Krückel, Telefon: 0241 / 991 20 43, E-Mail: krueckel@amhaarbach.de

Förderzeitraum
2016-2018

zum Seitenanfang