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Praxisbeispiel
Wie Berlin, so das Netzwerk – interkulturell und überkonfessionell

In Berlin leben viele Kulturen, Religionen und Lebenskonzepte Tür an Tür. Doch so verschieden die Menschen auch sind, so sehr ähneln sich ihre Ängste, Sorgen und Krankheiten. Daher arbeitet seit 1999 eine Gruppe Ehrenamtlicher der evangelischen Gemeinde daran, das Thema Demenz im Bezirk immer wieder ins Gespräch zu bringen. Doch wie erreicht man die Angehörigen und Betroffenen, die nicht in die Kirche kommen?  

„Es reicht nicht, dass die Kirche die Tür aufmacht. Deswegen kommen die Leute mit Demenz noch lange nicht herein,“ sagt Projektbeauftragter Ulrich Kratsch.

Also haben die evangelischen Netzwerkerinnen und Netzwerker, die einer religiösen Minderheit in Schöneberg angehören, versucht mit Flyern, Broschüren und Infobriefen auf die Arbeit des Zentrums aufmerksam zu machen. Doch dabei hat sich gezeigt: Die Bereitschaft, sich auf diese Weise mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen, ist gleich Null. „Die Leute haben uns die Flyer sogar persönlich zurück gebracht, weil sei gesagt haben, dass sie das Thema zum Glück nicht betrifft“, erinnert sich Herr Kratsch. Also haben sich die Projektmitwirkenden an das deutsche Sprichwort mit dem Berg und dem Prophet erinnert und eine neue Strategie ersonnen, die sich als sehr viel wirksamer erwiesen hat: Wenn die Menschen nicht zur Information kommen, wird ihnen diese in ihre vertraute Umgebung geliefert. Die Projektverantwortlichen haben den Kontakt zu örtlichen Nachbarschaftszentren und anderen religiösen Gemeinschaften hergestellt, in denen sich Seniorinnen und Senioren regelmäßig treffen. Ihre Idee, in den Gruppen auf unverkrampfte Weise über das Thema Demenz zu sprechen, wurde mit großem Interesse aufgenommen. Also haben sich die Netzwerkerinnen und Netzwerker von den Organisatoren in bestehende Gruppen einladen lassen. „Das Thema Demenz ist dort jetzt einfach Teil eines von vielen Treffen, zu dem die Leute sowieso hingehen. Es wird nicht singulär behandelt“, erklärt Kratsch. Von den großen Moscheen über die buddistischen Glaubensgemeinschaften, vom polnischen Hausfrauentreff bis zur palästinensischen Nachbarschaftsrunde reicht die Bandbreite der Gruppen, die nun alljährlich mit nützlichen Tipps rund um den Alltag mit Demenz versorgt werden.

Ein Faltblatt gibt es heute immer noch. Es bietet Interessierten die wichtigsten Informationen und Kontaktadressen in deutsch, russisch, türkisch und arabisch und kann nach der Gesprächsrunde einfach mitgenommen werden. Die Arbeit des geistlichen Zentrums für Demenz profitiert von einer gut funktionierenden Quartiersarbeit vor Ort und von den langjährig aufgebauten Beziehung zu anderen religiösen Institutionen. Mit Hilfe der Förderung über die Lokalen Allianzen, ist es den evangelischen Netzwerkerinnen und Netzwerkern gelungen, das Thema Demenz runter zu brechen auf die einzelnen Volks- und Religionsgruppen, in dem sie es freihaus dorthin liefern und somit Berührungsängsten und Sprachbarrieren aktiv begegnen.  

„Zu den Gruppentreffen kommen die Leute nicht wegen, sondern trotz dem Themas hin“, verrät uns Ulrich Kratsch die Erfolgsstrategie der Projektgruppe. Betroffene und Angehörige sind dankbar, dass Expertinnen oder Experten kostenfrei zu ihnen kommt und das Gespräch anregen. Und oft merken die Teilnehmenden erst im Gespräch, dass es in Ihrem Leben durchaus Berührungspunkte mit Demez gibt.

„Die Kirche muss sich verbünden mit dem Leben, das auf der Straße tobt. Dann kann sie auch mit schwierigen Themen wie Demenz zurecht kommen“, sagt Ulrich Kratsch und freut sich, dass das Projekt nicht nur im Bezirk Tempelhof-Schöneberg wirkt, sondern langsam über die Bezirksgrenzen hinauswächst.

Träger
Geistliches Zentrum für Menschen mit Demenz und deren Angehörige
c/o Evangelischer Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg
Bülowstrasse 71/72
10783 Berlin

Kontakt
Ulrich Kratzsch
Telefon: 030 - 261 24 70, E-Mail: kontakt@glaube-und-demenz.de

Netzwerkpartner
Alzheimer-Gesellschaft-Berlin e.V.

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