Interview und Text: Kirsten Lange, April 2024
Menschen mit und ohne Demenz sollen in Bad Cannstatt selbstverständlich zusammenleben und sich auf Augenhöhe begegnen. Das ist ein Ziel des Netzwerks „Gemeinsam für ein demenzfreundliches Bad Cannstatt“.
„Wir wollen, dass Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens dabei sein können,“ sagt Netzwerkkoordinatorin Bettina Oehl vom Caritasverband Stuttgart e.V. „Es geht vor allem um Begegnungen zwischen allen Menschen im Bezirk, ums Kennenlernen und Kontakte knüpfen. Unsere Angebote richten sich vorwiegend an Menschen mit Vergesslichkeit und Orientierungsschwierigkeiten in Begleitung von Angehörigen oder Freunden.“
Aus Fachberatung entsteht Netzwerk-Idee
In Stuttgarts größtem Stadtbezirk Bad Cannstatt leben 70.000 Menschen – davon mehr als 1.000 mit der Diagnose Demenz. Der Bezirk habe viele unterschiedlich kulturell und gesellschaftlich geprägte Viertel, so Oehl. Um alle Menschen zu erreichen, brauche es viele verschiedene Kooperationspartnerinnen und -partner.
Deshalb entstand 2013 die Idee, ein Netzwerk für Demenz aufzubauen. Ihren Ursprung hatte die Idee im Gerontopsychiatrischen Beratungsdienst des Caritas-Verbands Stuttgart e.V. Die Ansprechpartnerinnen und -partner dort stellten fest: Wir vermitteln Menschen mit Demenz und Angehörigen zwar Unterstützung – doch das reicht nicht aus. „Es ist vielmehr wichtig, Hauptamtliche, Gewerbetreibende, Kirchengemeinden, Vereine, Kulturschaffende und Nachbarschaften im Umgang mit Menschen mit Demenz zu sensibilisieren und zu informieren.“
Das Netzwerk gründete sich Ende 2014 mit etwa Partnerinnen und Partnern. Es gewann zahlreiche weitere Unterstützer, darunter die Stadt Stuttgart und das Bezirksrathaus Bad Cannstatt. 2015 bis 2017 wurde es als Lokale Allianz gefördert.
Angebote für viele Lebensbereiche
Die Angebote und Veranstaltungen des Netzwerks sind vielfältig und umfassen Themen aus den Bereichen Alltag, Kultur, Gesundheit und Freizeit. Das Netzwerk organisiert unter anderem Schulungen für die Polizei. Für die Polizei und den Einzelhandel wurden Leitfäden entwickelt, die im Umgang von Menschen mit Demenz unterstützen.
Zusammen mit dem Fußballbundesliga-Club VfB Stuttgart hat das Netzwerk das Projekt „Unvergessen“ gestartet – mit Führungen durchs Stadion und Erinnerungsnachmittagen, an denen der VfB Menschen in Pflegeeinrichtungen besucht.
Inklusive Veranstaltungen
Beim wöchentlichen inklusiven Lauftreff bewegen sich Menschen aller Fitnesslevel gemeinsam an der frischen Luft. Menschen mit Gedächtnis- und Orientierungsschwierigkeiten werden dabei besonders unterstützt.
Einmal im Monat finden inklusive Stadtteilspaziergänge für Menschen mit Demenz, Angehörige und alle Interessierten statt. Gemeinsam lernen die Menschen ihren Stadtbezirk besser kennen. Im Anschluss können sie sich beim Beisammensein in einer Begegnungsstätte bei Kaffee und Kuchen persönlich austauschen und Kontakte knüpfen.
Einmal im Quartal gibt es Besuche an besonderen Orten in Bad Cannstatt auch mit einem anschließenden Besuch einer nahegelegenen Begegnungsstätte. Besichtigt wurde zum Beispiel die Feuerwache, das Rathaus oder das Stadtarchiv.
2025 wurde das 10jährige Jubiläum des Netzwerks gefeiert mit einer Jubiläumsbroschüre und Veranstaltungen durchs ganze Jahr.
Besonderes Echo in der Bevölkerung und in der Presse fand die Ausstellung von Cartoons des Künstlers Peter Gaymann im Cannstatter Rathaus und im Anschluss im Cannstatter Einzelhandel. Die vom Netzwerk erworbenen Cartoons können als Wanderausstellung von interessierten Einrichtungen ausgeliehen werden.
Zusammenarbeit im Netzwerk
Die Steuerungsgruppe und das Koordinationsteam organisieren Netzwerktreffen, kümmern sich um Öffentlichkeitsarbeit und Förderanträge.
Kleinere Projektteams des Netzwerks entwickeln zusammen mit Vereinen und Institutionen die Konzepte für die inklusiven Angebote.
Dreimal im Jahr treffen sich die Partnerinnen und Partner bei einem Runden Tisch. „Dort stimmen wir Leitlinien ab, nach denen wir das Netzwerk weiterentwickeln wollen“, sagt Oehl. „Wir einigen uns über größere Projekte wie die Evaluation, die wir mit DemenzSupport Stuttgart durchgeführt haben. Außerdem schauen wir: Wo gibt es weiteren Bedarf im Stadtbezirk, welche Kooperationspartner könnten Angebote entwickeln und mit wem könnten sie dafür zusammenarbeiten.“
Gemeinsam mit dem VFB Stuttgart und der Bürgerstiftung Stuttgart entstand das Projekt „Unvergessen“. Es beinhaltet eine spezielle Arena-Tour für Menschen mit Demenz und einen VFB-Erinnerungsnachmittag in Pflegeheimen. Ganz neu ist der VfB-Erinnerungskoffer, der zusammen mit der Stadtbibliothek entstanden ist und künftig in allen Stadtteilbibliotheken Stuttgarts ausgeliehen werden kann.
Stadt finanziert einen Teil der Stelle
Das Netzwerk "Gemeinsam für ein Demenzfreundliches Bad Cannstatt" wird von der Stadt Stuttgart unterstützt: Sie finanziert einen Teil der bei der Caritas angesiedelten Koordinationsstelle. Stiftungen oder Unternehmen fördern verschiedene Angebote. Außerdem bekommt das Netzwerk Fördermittel durch die Pflegeversicherung nach § 45e SGB XI.
Koordinatorin Bettina Oehl freut sich, dass sich immer wieder engagierte Unterstützer und Kooperationspartner finden: „Es ist toll, dass kontinuierlich neue Türen aufgehen und dass die Menschen auch über Bad Cannstatt hinaus unsere Arbeit kennen.“
Träger
Caritasverband für Stuttgart e.V. (CVS)
Sucht- und Sozialpsychiatrische Hilfen
Brückenstraße 21
70376 Stuttgart
Kontakt
Caritas Stuttgart
Bettina Oehl
Telefon: 0711-520 460 84
E-Mail: b.oehl@caritas-stuttgart.de
Förderzeitraum Lokale Allianzen
2015-2017
Netzwerk
Mehr als 50 Kooperationspartnerinnen und -partner aus Kommunalverwaltung, Pflege, Kirchen, Sport, Polizei, lokaler Wirtschaft, Vereinen, Beratungsstellen und Begegnungsstätten sowie aus dem Gesundheitswesen. Auch weitere ehrenamtliche und professionelle Akteure sind im Netzwerk aktiv.






