Zum Hauptinhalt

Praxisbeispiel
Mehr Teilhabe für Menschen mit Demenz, mehr Entlastung für Angehörige

So bringt die Lokale Allianz Betzdorf-Gebhardshain Leichtigkeit in den Alltag von Menschen mit Demenz

Foto: Senior:innen sitzen an mehreren Tischen mit Getränken auf roten Stühlen, im Hintergrund ein Kruzifix an der Wand
© Annika Kron

Interview und Text: Mirjam Ratmann | Mai 2026


Die Coronapandemie war für viele belastend – auch für Seniorinnen und Senioren in Betzdorf-Gebhardshain. In dieser Zeit meldeten sich Angehörige von Menschen mit Demenz beim Altenschutzbund Solidar e.V. Betzdorf / Kirchen und baten um Rat. Der Verein rief eine Sprechstunde ins Leben. „Damit wollten wir Menschen die Möglichkeit geben, sich den Frust von der Seele zu reden“, sagt Koordinatorin Annika Kron. Es sei auch darum gegangen, zu schauen, wo Menschen mit Demenz und deren Angehörige Unterstützung erhalten könnten.

Dabei merkte der Verein: In der Region fehlte es an Teilhabeangeboten. „Ursprünglich wollten wir einen Besuchsdienst aufbauen, aber leider ist uns das nicht gelungen, weil es zu wenige Ehrenamtliche gab“, sagt Kron. „Dann haben wir entschieden, die Leute einfach aus ihrem Alltag rauszuholen.“

Menschen verbinden: Durch kulturelle Teilhabe und Ausflugsprogramm

Mit seiner Initiative „Wir tanzen wieder!“ kam beispielsweise der Kölner Stefan Kleinstück nach Betzdorf-Gebhardshain und tanzte mit 50 Seniorinnen und Senioren – egal, ob mit Rollator, Rollstuhl oder Gehstock. Bei einer Kunstaktion konnten Menschen mit Demenz und deren Angehörige mit Kindern Bilder gestalten und bei einem Graffitiworkshop Taschen mit verschiedenen Motiven besprühen. „Solche Teilhabeangebote, bei denen es um andere Dinge geht als um Pflege und Organisation, funktionieren besser als Sitzen und Reden“, sagt Kron. Die Angebote entwickelt der Altenschutzbund seit 2022 gemeinsam mit sieben Netzwerkpartnern, mit denen er sich alle zwei Monate zusammensetzt.

Einen besonderen Fokus legt das Netzwerk auf Ausflüge. So ging es bereits auf einen Weihnachtsmarkt, an den Möhnesee, in ein Museumsdorf, zum Frankfurter Flughafen und zu dem „Demenz Meet“ nach Köln. Während es bei den ersten Busfahrten noch 25 Leute waren, sind die Ausflüge nun mit 50 Menschen stets ausgebucht. Inzwischen gibt es drei pro Jahr.

„Es ist für die Menschen gut, mit anderen Personen mit Demenz in Austausch zu kommen und den Tag genießen zu können“, sagt Kron und ergänzt: „Für Angehörige sind solche Tage eine Entlastung, die zeigen: ‚Wir können was Schönes zusammen erleben‘.“ Im Alltag würde das häufig untergehen, weil die Pflege und Organisation im Vordergrund stünden. Menschen mit Demenz seien ebenfalls dankbar. „Sie sind froh, dass sie rauskommen und dass da Menschen sind, die sie verstehen und mit denen sie offen reden können“, sagt Kron.

Bedürfnisse von Angehörigen achten

Neben Ausflügen bietet das Netzwerk praktische Hilfestellung an, beispielsweise einen Pflegekurs. In dem merke man, wie frustriert einige Angehörige seien, sagt Kron. „Viele sind überlastet und überfordert, vor allem mit den Systemen.“

Wichtig sei daher, Angebote zu entwickeln, die zu den Bedürfnissen von den pflegenden Angehörigen passten. „Das müssen welche sein, für die es sich lohnt, dass sie sich Zeit freischaufeln.“ Zusätzlich gibt es Informations- und Vortragsreihen zu Demenz, Vorsorgevollmacht, Pflegekosten und Unterstützungsangeboten.

Mehr Öffentlichkeit für Menschen mit Demenz

Insgesamt hat Annika Kron das Gefühl, dass sich viele Menschen mit Demenz und deren Umfeld oft noch nicht trauten, offen darüber zu sprechen. „Da haben wir gehofft, noch mehr zu enttabuisieren. Denn nach wie vor sieht man Menschen mit Demenz kaum in der Öffentlichkeit.“

Im Sommer schließt sich das Netzwerk daher mit der Alzheimer Gesellschaft in Siegen zusammen, um ein Demenz Meet in Siegen zu organisieren. Dabei würden persönliche Geschichten von Menschen mit Demenz, sogenannte Mutgeschichten, im Fokus stehen. „Es geht darum, dass nicht Fachkräfte über Menschen mit Demenz sprechen, sondern sie selbst zu Wort kommen.“

Seit Anfang März ist nun auch klar, dass das Netzwerk für ein Jahr von der AOK gefördert wird. Damit dürften, trotz Ende der Förderung durch das Bundesprogramm, weiteren Fortbildungen für Angehörige und Veranstaltungen rund um das Thema Demenz nichts im Weg stehen.

Träger
Altenschutzbund Solidar Betzdorf / Kirchen e.V.
Bahnhofstraße 13
57518 Betzdorf

Kontakt Koordination
Annika Kron
E-Mail: kronannika@gmx.de
Telefon: 02741-4711

Förderzeitraum Lokale Allianzen
2023-2025

Gründungsjahr des Netzwerkes
2022

Netzwerk

  • Alten- und Pflegeheim St. Vinzenzhaus Gebhardshain
  • Altenzentrum St. Josef Betzdorf
  • Caritas Verband Rhein-Sieg
  • Ökumenische Sozialstation Betzdorf
  • Pflegestützpunkt Betzdorf
  • Stadt Betzdorf
  • Verbandsgemeinde Betzdorf-Gebhardshain
  • Gemeindeschwesterplus für Betzdorf und Gebhardshain
  • Kreisverwaltung Altenkirchen
Foto: Senior:innen sitzen an mehreren Tischen mit Getränken auf roten Stühlen, im Hintergrund ein Kruzifix an der Wand
© Annika Kron
Gemeinsames Kreativangebot für Seniorinnen und Schülerinnen des regionalen Gymnasiums
Foto: 3 Mädchen und ein Senior im Rollstuhl schauen einer älteren Dame bei einer Tätigkeit an einem mit blauer Folie abgeseckten Tisch zu.
© Annika Kron
Gemeinsames Kreativangebot für Seniorinnen und Schülerinnen des regionalen Gymnasiums
Foto: Mehrere Personen stehen im Freien hinter einem langen weißen Klapptisch, auf dem Infomaterial liegt.
© Annika Kron
Marktstand in Betzdorf mit den beiden Bürgermeistern Johannes Behner (links) und Joachim Brenner (hintere Reihe rechts)
Foto: Ca. 10 Personen sitzen mit dem Rücken zum Betrachter in drei Stuhlreihen und schauen auf eine Leinwand mit einer Präsentation
© Annika Kron
Vortrag für Pflegende Angehörige zum Thema Burnout
Foto: Seniorinnen und Schülerinnen stehen um einen Tisch mit Bastelmaterial
© Annika Kron
Gemeinsames Kreativangebot für Seniorinnen und Schülerinnen des regionalen Gymnasiums
Foto: 7 farbig angesprühte Scherenschnitte von Mandalas liegen auf einem Tisch.
© Annika Kron
Ergebnis des Kreativangebotes für Seniorinnen und Schülerinnen
Foto: Seniorin streichelt Damhirsche, die auf einer Wiese stehen.
© Annika Kron
Besuch im Wildpark
Foto: 8 Senior*innen tanzen in einem Saal im Kreis und halten sich an den Händen fest.
© Annika Kron
Gemeinsames Tanzen mit Stefan Kleinstück
Foto: Senior*innen sitzen in einem Saal an langen Tischen, am Kopfende steht eine Gruppe Kinden
© Annika Kron
Kinder singen gemeinsam mit Senior*innen
Foto: Senior*innen sitzen an langen Tischen in einem Saal mit roten Wänden. Vor der Bühne sieht man zwei Tanzpaare im Seniorenalter.
© Annika Kron
Seniorennachmittag der Stadt Betzdorf 2025
Foto: Mann tanzt mit Seniorin in einem großen Raum, drum herum sitzen Senior*innen und schauen zu.
© Annika Kron
Gemeinsames Tanzen mit Stefan Kleinstück
Foto: Seniorinnen und Schülerinnen stehen um einen Tisch mit Bastelmaterial
© Annika Kron
Gemeinsames Kreativangebot für Seniorinnen und Schülerinnen des regionalen Gymnasiums
Foto: Seniorinnen und Schülerinnen stehen um einen Tisch mit Bastelmaterial
© Annika Kron
Gemeinsames Kreativangebot für Seniorinnen und Schülerinnen des regionalen Gymnasiums